Nigeria

Januar 2015: 94 Kinder gerettet
Yamwurzeln: Basisnahrung wie Kartoffeln
Zwei Mitarbeiterinnen mit den mitgebrachten Medikamenten
Eine Taschenlampe ist unerlässlich
Zwei Jungs aus den Krisengebieten
Zwei der Unterkunftshäuser für Mädchen
Überfüllte Mädchenunterkünfte
Weiterbau von Schulräumen
Bau einer Abwasseranlage
Fertige Duschräume für Jungs
Klassenzimmer
600 Kinder aus Nord-Nigeria (Stand Februar 2015)

Reisebericht und Neuigkeiten aus Nigeria (Stand 2/2015)
von Vereinsmitglied Teresa Jacob

Im Oktober 2014 reiste ich wieder für zwei Wochen nach Nigeria, wo ich den Beginn der Rettungsaktion der Flüchtlingskinder aus dem Nordosten des Landes unmittelbar miterlebte.

Seit Monaten arbeitet das Missionswerk ICCFMissions unter Leitung von Pastor Solomon A. Folorunsho mit aller Kraft daran, der unbeschreiblichen Not zu begegnen, die den Menschen dort durch Boko Haram entstanden ist, und die Tausende von Kindern zu retten, die bis heute auf der Flucht sind.

Nicht lange vor meiner Einreise war die erste Gruppe von 34 Kindern nach einer viertägigen, sehr anstrengenden Reise auf unserem Gelände in Benin City angekommen.
Die Verantwortlichen vor Ort hatten lange darauf hingearbeitet, endlich Kinder aus den Krisengebieten zu retten und zu uns in den Süden bringen zu können. Die Ankunft dieser ersten Gruppe war deshalb für alle eine große Freude.
Als ich noch in Deutschland die Fotos ansah, die mir zugeschickt worden waren, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten.

Unter diesen Eindrücken bereitete ich meine Reise vor. Einen Großteil verbrachte ich damit, Medikamente und medizinische Ausrüstung zusammenzustellen. Denn durch die Strapazen der Flucht werden viele Kinder krank oder kommen bereits krank bei uns an. Über Action Medeor bestellte ich Medikamente wie Antibiotika und Vitamintabletten, aber auch Verbandsmaterial, Desinfektionsmittel, Salzlösung zum Trinken bei Durchfallerkrankungen und vieles mehr. Rat holte ich mir dafür bei unseren Kinderärzten der Kinderklinik Böblingen und in einem Lehrbuch von Ärzte ohne Grenzen.
So konnten von den sechs Koffern voller Hilfsgüter, die ich mitnahm, zwei mit medizinischem Material gefüllt werden.

In Nigeria konnte ich dann die ersten Flüchtlingskinder persönlich kennenlernen. Auf den Fotos, die ich in Deutschland gesehen hatte, war mir vor allem ihr Gesichtsausdruck aufgefallen, der von dem buchstäblichen Horror sprach, den alle von ihnen durchgemacht hatten - wie vor ihren Augen Eltern und Geschwister ermordert, vergewaltigt oder verschleppt wurden, wie ihnen selbst der Tod drohte und sie in letzter Minute flüchten konnten, wie sie wochenlang von Ort zu Ort rennen und sich verstecken mussten.
Umso mehr war ich davon berührt, diese Kinder nun lachen und singen zu sehen. Was muss es für sie bedeuten, jetzt an so einem friedlichen und sicheren Ort zu sein? - Wenn man selbst nie einen Krieg erlebt hat, kann man sich das nur schwer vorstellen…

Mit Worten ist es kaum auszudrücken, was diese Kinder seelisch und körperlich erlitten haben.
Einige Kinder erzählten, dass sie sich mitten im Kugelhagel befanden und nur knapp verfehlt wurden.
Ein Mädchen musste ihre Mutter, die sehr schwach war, in ihrem Haus zurücklassen, als die Boko Haram in ihr Dorf einfielen. Während das Mädchen alleine aus dem Ort rannte, sah sie in einiger Entfernung einen Jungen vor sich, der ebenfalls flüchtete. Doch plötzlich kam ein Terrorist und enthauptete den Jungen vor ihren Augen. Dadurch musste das Mädchen die Richtung ändern und zur anderen Seite des Dorfes hinausrennen, bis sie sich schließlich im Buschgelände verstecken konnte, wo sie von Missionaren aufgefunden wurde.
So wurden viele andere Kinder ebenfalls komplett von ihren Familien getrennt und wissen nicht, ob diese überhaupt noch am Leben sind.
Andere Kinder berichteten, wie sie auf der Flucht einen reißenden Fluss durchqueren mussten, der bereits voller Leichen von Menschen war, die es nicht bis ans andere Ufer geschafft hatten. Denn durch schwere Regenfälle war der Wasserpegel so stark angestiegen, dass viele Menschen nicht mehr weiterkamen. Sie wurden von den Terroristen, die ihnen bereits dicht auf den Fersen waren, gnadenlos ermordet.
Ein anderes Mädchen erzählte, dass sie gerade duschte, als Boko Haram ihr Dorf überfiel. Sie konnte nur schnell ein Stück Stoff nehmen und rannte damit 3 bis 4 Tage lang, um zu entkommen.

Ein Großteil der Kinder kommt zu uns nur in der Kleidung, die sie seit ihrer Flucht am Leib tragen. Viele kommen ohne Unterwäsche an, viele barfüßig.
Viele Kinder mussten sich auf ihrer Flucht von Blättern, Gras und schmutzigem Wasser ernähren.
Sie mussten mit ansehen, wie unterwegs viele Kinder an Erschöpfung, Hunger, Durst und an Krankheiten wie Cholera starben, und wie die Mütter ihre Kinder nicht begraben konnten, sondern sie mit großem Schmerz einfach liegen lassen mussten.
Noch viel mehr könnte ich erzählen…

Aufgrund dieser grauenvollen Erlebnisse kommt es vor, dass Kinder einfach unvorhergesehen zusammenbrechen oder nachts plötzlich aufschreien, weil sie immer noch von den schlimmen Erlebnissen träumen. Damit die Kinder dieses Trauma, das ihnen zugefügt wurde, überwinden können, begegnen die Mitarbeiter vor Ort ihnen mit großer Liebe und Hingabe. Auch erhalten die Kinder Seelsorge.
Die Missionare achten sorgsam auf die Ernährung der Kinder, da viele regelrecht ausgezehrt auf unserem Gelände ankamen.
Die Kinder erhalten die Dinge, die sie für ihren täglichen Bedarf benötigen. Während meines Einsatzes wurden z.B. Zahnbürsten, Zahnpasta, Essensbehälter und Besteck, Seife, Kämme sowie Eimer für die Körperpflege u.ä. an sie verteilt.

Die Flüchtlingskinder besuchen nun ebenfalls unsere Schule. Anhand ihres Alters bzw. ihrer Vorkenntnisse werden sie in die verschiedenen Klassen aufgeteilt. Neben Lesen, Schreiben und all den anderen Schulfächern lernen sie nun auch Englisch, denn in Nordnigeria wird größtenteils Hausa statt Englisch gesprochen. Mit welcher Freude und Eifer sie nun am Unterricht teilnehmen, habe ich in Nigeria selbst erlebt.

Eine große Herausforderung ist der Gesundheitszustand vieler Kinder. Durch die Flucht bekommen viele z.B. Hautausschläge, die mit starkem Juckreiz, aber auch mit Entzündungsreaktionen mit Eiter einhergehen. Andere haben während dem Essen starke Schmerzen in Magen und Speiseröhre, bedingt durch die langen Hungerphasen. Ein anderer Junge entleerte über längere Zeit ständig Blut beim Wasserlassen. Weil sie so lange rennen mussten, haben manche auch Gelenkschmerzen. Viele Kinder erleiden auch Malaria.
Diese Kinder werden deshalb zur Behandlung in die umliegenden Krankenhäuser von Benin City gebracht, und mit den gespendeten Medikamenten aus Deutschland behandelt.

Vor Ort verbrachte ich dann auch Zeit damit, zwei Mitarbeiterinnen in das mitgebrachte medizinische Material einzuweisen. Zum Beispiel erklärte ich ihnen das Blutdruckmessen und den Einsatz der neuen Medikamente bei verschiedenen Krankheiten. Auch behandelte ich gemeinsam mit ihnen die kleinen und großen Patienten.
Da es noch keine eigene Krankenstation gibt, erfolgen alle Behandlungen nach wie vor unter freiem Himmel, unter dem Vordach der Gottesdiensthalle. Die Behandlungen finden größtenteils abends statt, und es kommen immer viele Kinder.
So haben wir während meines Einsatzes viele eitrige Wunden versorgt, aber auch einen Jungen mit einer Knieentzündung, Kinder mit Husten oder Schmerzen.
Zwei Jungen aus Nordnigeria kamen mit Schmerzen in der Speiseröhre zur Behandlung und ich war froh, ihnen genau die richtigen Medikamente geben zu können.

Für mich als deutsche Kinderkrankenschwester ist dies schon eine Umstellung. In meiner Klinik in Deutschland ist alles, was man für eine Therapie braucht, so gut wie immer im Überfluss vorhanden und man kann dadurch auch die Behandlung ganz genau an die Erkrankung bzw. den Erreger anpassen. Auch bin ich es eigentlich gewohnt, immer Ärzte zu haben, die ich fragen kann.
In Nigeria kann ich momentan nur mit den Dingen arbeiten, die vorhanden sind. Es gibt noch keinen Arzt, der ständig erreichbar ist. Dadurch lerne ich jedoch auch, selber genau zu überlegen, was zu tun ist. Ich sehe noch mehr die hohe Verantwortung und lerne, praktischer zu arbeiten.
So kam am letzten Tag meines Einsatzes beispielsweise ein Junge zur Behandlung mit einem Hautausschlag, den wir nicht genau diagnostizieren konnten. Zurück in Deutschland hörte ich dann, dass der Junge ins Krankenhaus gebracht worden war und dass es ihm inzwischen wieder gut geht.

Mir wurde auch wieder bewusst, wie wichtig eine eigene Krankenstation auf dem Gelände wäre. Zum einen, um die Medikamente, die wir vorrätig haben, ordnungsgemäß lagern zu können, aber vor allem auch, um die vielen Flüchtlinge, die ständig ankommen, besser medizinisch zu versorgen. Dadurch würden dann auch die hohen Kosten entfallen, die jedes Mal für eine Behandlung im Krankenhaus aufgebracht werden müssen.

Ich habe in Nigeria auch den Fortschritt der Bauprojekte, die derzeit im Gange sind, dokumentiert.
Es wurde an 10 neuen Duschräumen für jeweils Jungen und Mädchen mit separatem Abwassersystem gearbeitet, die mittlerweile fertiggestellt sind und benutzt werden. Die zuvor genutzten Duschen und Toiletten wurden zu kleinen Wohnhäusern umgebaut.
Seit 2013 arbeiten wir am Bau von 28 massiven Schulgebäuden. Dieses Projekt ist noch nicht abgeschlossen ist.
Bei 10 dieser Gebäude konnte das Mauerwerk aber vollständig hochgezogen und mit Säulen zur Stabilisierung versehen werden. Hier fehlt nur noch der Dachstuhl.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich für alle Spenden bedanken, die anlässlich der Pressemitteilung in der Böblinger Kreiszeitung eingegangen sind.
Die über 2.500 Euro waren ein wichtiger Beitrag, um Kinder aus den Krisengebieten im Norden zu retten und sie auf unserem Gelände im Süden zu versorgen.
Auch 2015 sind schon wieder Spenden eingegangen. Vielen Dank.

Mittlerweile konnten über 600 Kinder gerettet werden (Stand Februar 2015). Das bedeutet: zusammen mit den Kindern, die zuvor bereits bei uns lebten, sorgen wir inzwischen für etwa 1.200 Kinder. Und viele sind noch auf dem Weg.
Die Versorgung aller dieser Kinder ist eine große Herausforderung, und die Mitarbeiter vor Ort tun alles, um für die Kinder da zu sein.
Alleine der tägliche Bedarf an Nahrungsmitteln ist enorm.

Darüber hinaus sind inzwischen alle Unterkunftshäuser überfüllt, sodass sogar schon Kinder unter freiem Himmel schlafen müssen. Um diesem Zustand Abhilfe zu verschaffen, konnte gerade mit dem Bau von zwei weiteren Unterkunftshäusern begonnen werden.
Es werden aber noch viel mehr Unterkünfte benötigt, da sich immer noch Tausende Kinder im Nordosten Nigerias in Gefahr befinden.

Für die Schule haben wir momentan noch kein fertiges, massives Gebäude. Wir nutzen derzeit ein provisorisches Haus aus Holz, das 14 Klassenzimmer enthält. Dieses Gebäude ist inzwischen jedoch restlos überfüllt, so dass der Unterricht schon unter Bäumen und einer Überdachung aus Bambusrohren und Palmblättern stattfinden muss.
Deshalb müssen die begonnenen Schulgebäude so schnell wie möglich fertiggestellt werden. Darin können dann zusätzlich auch noch Flüchtlingskinder unterkommen.
Weitere Dinge, die dringend benötigt werden, sind Medikamente, sowie Schulbücher, Schulranzen, Stifte, Bekleidung, Drogerieartikel und Matratzen (zur Zeit schlafen die meisten auf einfach Matten), uvm.

Die Not der Flüchtlingskinder zu sehen und ihre Geschichten zu hören, ist auch für mich immer noch unfassbar. Deshalb brauchen sie jetzt jede helfende Hand, damit sie wieder glückliche Kinder werden können.
Jeder kann etwas tun, und es ist so leicht, einen Unterschied im Leben eines Menschen zu machen!

Viele herzliche Grüße,
Teresa Jacob

Nachrichtlich: Die Mitgliederversammlung beschloss am 16.03.2015, das Missionswerk wie folgt zu unterstützen:
Bau eines Daches über ein noch offenes Klassenzimmer
Bau einer Krankenstation
Mitgabe von med. und. Pfleg. Material, wenn Teresa wieder nach Nigeria fliegt